Seminar 2: Affektive Störungen sowie Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen 

 

Affektive Störungen 

Von affektiven Störungen spricht man, wenn eine Störung der Stimmung – entweder depressiv-gehemmt oder manisch-erregt – im Zentrum der Problematik steht. Affektive Störungen treten typischerweise phasenhaft auf, d.h. vor und nach der Depression oder Manie weist der Betroffene Stimmungslagen im Normalbereich auf. In vielen Fällen treten depressive und/oder manische Phasen mehrfach während des Lebens auf (man spricht dann auch von wiederkehrenden oder „rezidivierenden“ Störungen). Neben Depressionen und Manien gehören auch die anhaltenden affektiven Störungen wie die Dysthymie (dauerhaft leicht depressive Stimmung) und die Zyklothymie (dauerhaft zwischen leicht depressiv und leicht gehoben wechselnde Stimmung) zu den affektiven Störungen.

 

Fallschilderung:

Alter Bekannter, den wir schon länger nicht mehr gesehen haben, trifft uns auf der Straße und kommt lauthals und großen gestischen Bewegungen auf uns zu um uns zu. „Ah, gut das ich Dich sehe, dich habe ich schon lange mal treffen wollen, habe schon lange an dich gedacht, wollte dich schon anrufen, gestern morgen um 4 Uhr.“ Dieser Mensch sagt uns nun unaufgefordert, laut, fast aufdringlich, dass er jetzt endlich die Lösung für ihre Probleme habe. Und diese Lösung der Probleme will er natürlich jetzt gleich und auf der Stelle sofort mit ihnen besprechen. Sie haben gar keine Chance, sie kommen gar nicht zu Wort. Dieser alte Bekannte nimmt sie beim Arm und zieht sie tatsächlich und euphorisch fort. Dabei spricht er laut auf sie ein, jeder kann es hören, ohne Unterlass.   

(Fallschilderung T. Schnura) 

 

Methodenblätter, Übungsblätter

Die hier als pdf-Dateien niedergelegten Übungs- und Arbeitsblätter vermitteln Ihnen erste Hilfsmittel für die heilkundliche Arbeit.

 

Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen: Persönlichkeitsstörungen sind eine schwere Störungen der charakterlichen Konstitution und des Verhaltens, die mehrere Bereiche der Persönlichkeit betreffen. Sie gehen meist mit persönlichen und sozialen Beeinträchtigungen einher. Persönlichkeitsstörungen umfassen tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen. Dabei findet man bei Personen mit Persönlichkeitsstörungen gegenüber der Mehrheit der betreffenden Bevölkerung deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in Beziehungen zu anderen. Solche Verhaltensmuster sind meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche von Verhalten und psychischen Funktionen. Häufig gehen sie mit persönlichem Leiden und gestörter sozialer Funktions- und Leistungsfähigkeit einher. 

Persönlichkeitsstörungen unterscheiden sich von Persönlichkeitsänderungen durch den Zeitpunkt und die Art und Weise ihres Auftretens. Sie beginnen in der Kindheit oder Adoleszenz und dauern bis ins Erwachsenenalter an, wo sie sich erst endgültig manifestieren. Daher ist die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung vor dem Alter von 16-17 Jahren unangemessen.

Persönlichkeitsstörungen beruhen nicht auf einer anderen psychischen Störung oder einer Hirnerkrankung, obwohl sie anderen Störungen voraus- und mit ihnen einhergehen können. Persönlichkeitsänderungen dagegen werden im Erwachsenenalter erworben, in Folge schwerer oder anhaltender Belastungen, extremer, umweltbedingter Deprivation, schwerwiegenden psychiatrischen Störungen und Hirnerkrankungen/-verletzungen. 

 

 

Methodenblätter, Übungsblätter

Die hier als pdf-Dateien niedergelegten Übungs- und Arbeitsblätter vermitteln Ihnen erste Hilfsmittel für die heilkundliche Arbeit.

 

 

Merkmale der Persönlichkeitsstörungen

Paranoide Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Übertriebene Empfindlichkeit auf Rückschläge und Zurücksetzungen

Neigung, dauerhaft Groll zu hegen, d.h. Beleidigungen, Verletzungen oder Mißachtungen werden nicht vergeben

Mißtrauen und eine anhaltende Tendenz, Erlebtes zu verdrehen, indem neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich/verächtlich mißdeutet werden

Streitbarkeit und beharrliches, situationsunangemessenes Bestehen auf eigenen Rechten

Häufiges ungerechtfertigtes Mißtrauen gegenüber der sexuellen Treue des Ehe- oder Sexualpartners

Ständige Selbstbezogenheit, besonders in Verbindung mit starker Überheblichkeit

Häufige Beschäftigung mit unbegründeten Gedanken an Verschwörungen als Erklärungen für Ereignisse in der näheren oder weiteren Umgebung

 

Narzißtische Persönlichkeitsstörung (DSM-IV):

Grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (übertreibt z.B. eigene Leistungen und Talente; erwartet, ohne entspr. Leistungen als überlegen anerkannt zu Starkes Eingenommensein von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe

Glaube, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von besonderen oder angesehenen

Personen/Institutionen verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können

Verlangen nach übermäßiger Bewunderung

Anspruchsdenken (übertriebene Erwartung an eine bevorzugte Behandlung)

In zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen

Mangel an Empathie

Häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn Arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen

 

Schizoide Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude

Emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachter Affekt

Reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere, oder Ärger auszudrücken

Erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen

Wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen

Fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind

Übermäßige Inanspruchnahme durch Phantasien und Introvertiertheit

Hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvolle Beziehungen

Mangelhaftes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht dies unabsichtlich

 

Schizotypische Persönlichkeitsstörung (DSM-IV):

Beziehungsideen (jedoch kein Beziehungswahn)

Seltsame Überzeugungen oder magische Denkinhalte, die das Verhalten beeinflussen und nicht mit den Normen der jeweiligen subkulturellen Gruppe übereinstimmen (z.B. Aberglaube, Glaube an Telepathie)

Ungewöhnliche Wahrnehmungserfahrungen incl. körperbezogener Illusionen

Seltsame Denk- und Sprechweise (z.B. vage, umständlich, metaphorisch)

Argwohn oder paranoide Vorstellungen

Inadäquater oder eingeschränkter Affekt

Seltsames, exzentrisches oder merkwürdiges Verhalten/äußere Erscheinung

Mangel an engen Freunden oder Vertrauten außer Verwandten ersten Grades

Ausgeprägte soziale Angst, die mit paranoiden Befürchtungen zusammenhängt

 

Dissoziale Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Herzloses Unbeteiligtsein gegenüber Gefühlen anderer

Verantwortungslose Haltung und Mißachtung sozialer Normen, Regeln

Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung dauerhafter Beziehungen

Sehr geringe Frustrationstoleranz und niedrige Schwelle für aggressives Verhalten

Fehlendes Schuldbewußtsein oder Unfähigkeit, aus negativer Erfahrung, insbesondere Bestrafung, zu lernen

Deutliche Neigung, andere zu beschuldigen oder plausible Rationalisierungen anzubieten für das Verhalten, durch welches die Betreffenden in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten sind

 

Emotional instabile Persönlichkeit - impulsiver Typus (ICD-10):

Deutliche Tendenz, unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln

Deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden

Neigung zu Ausbrüchen von Wut und Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens

Schwierigkeit in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden

Unbeständige und unberechenbare Stimmung

 

Histrionische Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Dramatische Selbstdarstellung, theatralisches Auftreten oder übertriebener Ausdruck von Gefühlen

Suggestibilität, leichte Beeinflußbarkeit durch andere oder durch Ereignisse

Oberflächliche, labile Affekte

Ständige Suche nach aufregenden Ereignissen und Aktivitäten, in denen die Betreffenden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit

Unangemessen verführerisch in Erscheinung und Verhalten

Übermäßige Beschäftigung damit, äußerlich attraktiv zu erscheinen

 

Anankastische Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Gefühle von starkem Zweifel und übermäßiger Vorsicht

Ständige Beschäftigung mit Details, Regeln, Listen, Ordnungen, Organisation oder Plänen

Perfektionismus, der die Fertigstellung von Aufgaben behindert

Übermäßige Gewissenhaftigkeit und Skrupelhaftigkeit

Unverhältnismäßige Leistungsbezogenheit unter Vernachlässigung bis zum Verzicht auf Vergnügen und zwischenmenschliche Beziehungen

Übertriebene Pedanterie und Befolgung sozialer Konventionen

Rigidität und Eigensinn

Unbegründetes Bestehen darauf, daß andere sich exakt den eigenen Gewohnheiten unterordnen oder unbegründete Abneigung dagegen, andere etwas machen zu lassen

 

Ängstlich (vermeidende) Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Andauernde und umfassende Gefühle von Anspannung und Besorgtheit

Überzeugung, selbst sozial unbeholfen, unattraktiv oder minderwertig im Vergleich mit anderen zu sein

Übertriebene Sorge, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden

Persönliche Kontakte nur, wenn Sicherheit besteht, gemocht zu werden

Eingeschränkter Lebensstil wegen des Bedürfnisses nach körperlicher Sicherheit

Vermeidung beruflicher oder sozialer Aktivitäten, die intensiven zwischenmenschlichen Kontakt bedingen, aus Furcht vor Kritik, Mißbilligung oder Ablehnung

 

Abhängige Persönlichkeitsstörung (ICD-10):

Ermunterung oder Erlaubnis an andere, die meisten wichtigen Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen

Unterordnung eigener Bedürfnisse unter die anderer Personen, zu denen eine Abhängigkeit besteht, und unverhältnismäßige Nachgiebigkeit gegenüber deren Wünschen

Mangelnde Bereitschaft zur Äußerung selbst angemessener Ansprüche gegenüber Personen, von denen man abhängt

Unbehagliches Gefühl, wenn die Betroffenen alleine sind, aus übertriebener Angst, nicht für sich alleine sorgen zu können

Häufiges Beschäftigtsein mit der Furcht, verlassen zu werden und auf sich selber angewiesen zu sein

Eingeschränkte Fähigkeit, Alltagsentscheidungen zu treffen, ohne zahlreiche Ratschläge und Bestätigungen von anderen.

 

Hinweis: Die hier niedergelegten Arbeitsblätter vermitteln Ihnen erste Hilfsmittel für die kunsttherapeutische Arbeit. Sie stellen keinen Anspruch auf Vollständigkeit und werden regelmäßig modifiziert.