Seminar 3: Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren  

Verhaltensstörungen werden  maßgeblich mit der Verhaltenstherapie behandelt.

 

Psychische und Verhaltensstörungen

Als ausgefallen auffällig ist Verhalten dann, wenn es als aggressiv, unruhig, depressiv oder zurückgezogen erlebt wird oder wenn Personen durch Konzentrations-, Ess-, Schlafstörungen und ähnliche Probleme haben. Die Verhaltensweisen spielen insbesondere in den Terminologien der Erziehungswissenschaft, der Psychologie und der Heilpädagogik eine gewichtige Rolle, da von Verhaltensauffälligkeiten ein beträchtlicher Leidensdruck ausgehen kann.

Unter einer Verhaltensstörung versteht die Psychotherapie Verhaltensweisen, die auf andere Personen merkwürdig, fremd, wenig zweckvoll wirkt, nicht verstanden wird, für die betroffene Person aber völlig situativ folgerichtig sein kann. Die Definition von problematischen Verhalten fällt schwer, da es fließende Übergänge zum Normbereich von Verhalten gibt. Leitner (S.15/2007) schlägt vor:

"Problemverhalten lässt sich als Verhalten beschreiben: das auf den sich verhaltenden Menschen selbst und/oder seine Umwelt und Mitwelt über einen längeren Zeitraum belastend und verunsichernd wirkt das in der Auswahl und Intensität nicht der Situation angepasst erscheint das Entwicklungsmöglichkeiten behindert, anstatt sie zu fördern."

 

Grundwissen Alkoholabhängigkeit

BRD: 5 % der Männer und 3 % der Frauen (1/3 der Patienten in psychiatr. Krankenhäusern)

ICD-10 Kriterien:

  1. Toleranzentwicklung
  2. Kontrollverlust
  3. körperliches Entzugssyndrom
  4. starkes Verlangen nach Substanzkonsum (craving)
  5. Vernachlässigung anderer Interessen und Vergnügen
  6. anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweises eindeutiger schädlicher Folgen
  7. psychische Gewöhnung:
  8. Aufsuchen der positiv erlebten Effekte der Substanz und des entsprechenden sozialen Umfelds
  9. körperliche Gewöhnung: Toleranzsteigerung durch Enzyminduktion oder
  10. Empfindlichkeitsabnahme der Organe Dosissteigerung
  11. psychische Abhängigkeit: craving und Kontrollverlust
  12. physische Abhängigkeit: Entzugserscheinungen bei Abstinenzversuch (und Kontrollverlust)

 

Typen erhöhten Alkoholkonsums (Jellinek):

  1. Alpha Typ = Konflikt - Erleichterungstrinker
  2. Beta Typ = Gelegenheits-, Wochenend-, Verführungstrinker
  3. Gamma Typ = süchtiger Trinker (Abhängigkeit): Kontrollverlust, Abstinenzfähigkeit

Phasen der Abhängigkeit:

  1. präalkoholische Phase: Trinken um der Wirkung willen (Spannungsabbau, Erleichterung) Prodromalphase: erste Erinnerungslücken, heimliches Trinken
  2. kritische Phase: Kontrollverlust, häufige Räusche und/oder Abstinenzunfähigkeit, craving, soziale Komplikationen, ggf. Wesensänderung
  3. chronische Phase: tagelange Räusche, Toleranzverlust, schwere körperliche
  4. Abhängigkeit, patholog. Rausch, Alkoholpsychosen, Wesensänderung, Trinken von
  5. Alkoholersatzmitteln
  6. Delta Typ = Spiegel-, Gewohnheitstrinker: kein Kontrollverlust, Abstinenzunfähigkeit ("rauscharme Dauerimprägnierung mit Alkohol")
  7. Epsilon-Typ = episodischer/ Quartalstrinker (Dipsomanie): oft bei affektiven Syndromen

 

 Ätiologie der Alkoholabhängigkeit: multifaktoriell

  1. genetische Faktoren
  2. neurobiologische Faktoren: Belohnungssystem des Gehirns, GABA-A - Rezeptor
  3. soziale und psychologische Faktoren:
  4. Permissivkulturen,
  5. psychosoziale Streßsituationen
  6. Persönlichkeitseigenschaften und -störungen wie dissoziale Pk, hyperkinetische
  7. Störungen, sensation seeking (Zuckerman), novelty seeking vs. harm avoidance
  8. (Cloningers Typ 2 vs. Typ 1)
  9. niedrige Frustrations- und Streßtoleranz
  10. Folgen der Alkoholabhängigkeit: multifaktoriell

 

  1. neurologisch:
  • Anfälle
  • Wernicke-Korsakow
  • Sdr.-Atrophie (Groß- und Kleinhirn)
  • Polyneuropathie
  • Myopathie

 

2. psychiatrisch:

  • Delir
  • Halluzinose
  • Wesensänderung
  • Korsakow
  • Sdr.-Demenz

 

3. internistisch:

  • Magen-Darm-Trakt (Magenschleimhaut, Leber, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Leberzirrhose, Mangelernährung, B1-Mangel, Karzinome)
  • Herzmuskelerkrankung, Bluthochdruck
  • hormonell: Hodenatrophie, erniedrigtes Testosteron und erhöhtes
  • Östrogen
  • Abwehrschwäche,
  • Infektionskrankheiten (z.B. Tuberkulose)

 

4. sozial:

  • Invalidität
  • Delikte
  • Suizidalität (1/4 Suizidversuche, 15 % Suizid)
  • soziale Komplikationen (in Beruf und Familie)

 

Entzugssyndrom ohne und mit Delir:

 

Alkoholentzug

  • Prädelir: psychische und körperliche Symptome
  • psych.: Unruhe, ängstl.
  • depressive Affekte, Schlaflosigkeit, craving,
  • Konzentrationsstörung
  • phys.: Tremor, vegetative Stimulierung: Puls und Blutdruckerhöhung,
  • Schweißsekretion; gelegentlich
  • Anfall

 

Alkoholentzug

  • Delir: + Verwirrtheit, Bewußtseinsstörung, kognitive Störungen, Suggestibilität, Illusionen und v.a. lebhafte optische Halluzinationen, Wahneinfälle. 
  • Behandlung: intensivmedizin./psychiatrisch (u.a. mit Distraneurin oder Diazepam und ggf. Haloperidol); unbehandelt in 20 % tödlich (v.a. Herz-Kreislaufversagen, Pneumonie)

 

Nach dem ICD 10 gelten als Verhaltensstörungen z.B. auch Eßstörungen:

 

Durch eine intensive Furcht vor dem Dickwerden verändertes Eßverhalten sowie eine Störung der Körperwahrnehmung charakterisiert ist die Eßstörung. Bei der Anorexia nervosa (Magersucht) kommt es zu erheblichem Gewichtsverlust und Amenorrhoe, bei der Bulimia nervosa („Eß-Brech-Sucht“) zu Heißhungerattacken und oft selbstinduziertem Erbrechen. Sekundäre somatische Veränderungen sind häufig.

Häufigkeit hat, parallel zu gesellschaftlichen Entwicklungen, die das Schlanksein als Schönheitsideal propagieren, in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Unabhängig von ihrem Gewicht möchten Frauen im Durchschnitt 5 kg leichter sein. Auslösend wirken die verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpergewichts, genetische, hirnorganische und psychologische Faktoren.

Bei Eßstörungen kann es sich um dramatisch verlaufende Krankheitsbilder handeln, die mit hoher Mortalität behaftete sind.

Der Begriff „Anorexie“ (= Appetitlosigkeit) ist mißverständlich, da Körperschemastörung im Vordergrund der Symptomatik steht. Der Begriff „Bulimie“ (= Ochsenhunger) gibt Hinweis auf die typischen Heißhungerattacken. Der Zusatz „nervosa“ weist auf die seelische Verursachung hin.

Übergänge und Kombinationen zwischen beiden Erkrankungen kommen vor („Bulimanorexie“).

Die Beschreibung der Bulimia nervosa erfolgte erstmals als eigenständige Form im DSM-III (1980). Die Anorexie wurde schon im 19. Jahrhundert beschrieben.